Arno Boldt

Ohne Gewähr!

Headline hier, Headline da. Die Onlineableger deutschsprachiger Zeitungen und Zeitschriften sind sich einig: Nachricht ist Nachricht. Und eine gute Nachricht ist eine gute Nachricht. Es ist großartig und beruhigend zugleich, dass die unabhängigsten Köpfe unseres Landes vielen Nachrichten den gleichen Stellenwert beimessen. Und selbst die Überschriften ähneln sich zum Gleichen. Welch breiige Sicherheit!

Uns Deutschen ist es in die Seele gebrannt! Wir lechzen nach Chaos, Umsturz, Revolution und Rebellion – sowohl thematisch als auch als Aufmachung. Was brauche ich aber fünf Online-Medien, die allesamt das Gleiche in derselben Art und Weise schreiben? Was brauche ich 4, 3, oder 2? Ich fiebere nach Unterschied. Her mit den Themen. Weg mit den redaktionellen Weich- und Gleichmachern! Doch ich fürchte, dass genau hier die Sucht der größeren Medien liegt: Bei gleicher Suppe wird nur ein Mahl gegessen. Wer groß ist, wird groß bleiben. Die Faulheit wird bedient, gefördert. Lethargisch quälen wir uns abends bei Schnittchen in die Sessel des heimischen Wohnzimmers und legen unsere geschundenen Füßchen auf den Wohlfühlhocker. So fett und träge genügen uns schließlich Trillerpfeife, Luftballon und lustige Clownsgesichter für die Demonstration um die Ecke vollkommen. Ja, die Medien sind unsere Nutten.

Sie sind aber noch mehr: Sie sind zugleich Séparateur und Produzent. Wer entscheidet, was gefressen und was vergessen wird? Wer produziert diese Nervennahrung, und wie? Im Falle der Online-Medien bleibt zu konstatieren, dass Titelstorys immer öfter leere Gefäße sind, deren einziger Zweck es ist, Platzhalter emotionaler Bandbreite zu sein. Es geht vornehmlich nicht mehr um die Suche und das Finden einer Nachricht, die den Namen „Nachricht“ auch verdient. Es geht vielmehr darum, ein Geschehen – dessen journalistischer Wert als gering bis mäßig eingestuft werden kann – aufzuplustern. Hierbei bedient sich der gemeine Journalist verschiedener Methoden:

1. Der Autor kommentiert den textlichen Gegenstand, dem aber eine nüchterne Schreibe besser zu Gesicht stünde. Der Leser soll durch Emotionalisierung stärker eingebunden werden und Stellung beziehen. Er muss sich nicht einmal damit identifizieren können. Hauptsache Meinung! Hauptsache Gefühl! Denn auch ein wütender Leser ist ein treuer Leser, solang die Kommentarfunktion erhalten bleibt. Diese ist also im gleichen Maße für das Medium Marketinginstrument wie für den Leser ein Ventil sowohl positiver als auch negativer Emotionen. Der Leser verlangt und sucht (aufgrund jahrelanger Hysterie der Medien) nach Attraktion. Er sucht aber auch nach Sicherheit, die ihn in seinem Umfeld bestätigt. Sicherheit wird nunmal vorrangig dadurch erlangt, dass andere Menschen die eigenen Gedanken verstehen, tolerieren, akzeptieren – und bestenfalls teilen. Es wird hierbei nach einer Welt oder Teilaspekte dieser gesucht, in der wir uns spiegeln können. Die Kommentarfunktion der Online-Medien dient hier als Türöffner und Eintrittskarte zum Kinderparadies verletzter Eitelkeiten. Sie kann aber auch ein Regulator sein – ein Netz und doppelter Boden individueller Weltanschauungen, um den durch die eigene Meinung des Autors zerschundenen Artikel zurecht zu rücken.

Das ist übrigens ein Vorteil der Online-Medien. Während eine Print-Zeitung mehrheitlich als eigenständiges Konstrukt gilt, bei dem Leserbriefe meist nicht für eine detaillierte Besprechung taugen; machen sich die Leser mit Hilfe ihrer Kommentare das Onlineprodukt zu eigen – zu einem Teil ihrer Welt. Ob die mediale und soziale Wirklichkeit der Kommentarfunktion auch ein Ersatz für Stammtischparolen sein kann, wäre untersuchenswert. Inwiefern sind die Online-Portale diverser Medien für eine Verlagerung der Feierabend-Kultur vom Wirtshaus in das Weltnetz verantwortlich? Das persönliche Gespräch ist verschriftlicht und mittels 0er und 1er übertragbar. Ist die Mathematik als großer Gesamtkomplex, als Ursprung aller Wissenschaften die (wichtigste) Sprache kommender Jahrhunderte?

2. Der Wert einer „Nachricht“ lässt sich aber noch durch das Entwickeln hanebüchener Füllszenarien vermeintlich aufwerten. Diese Szenarien lassen sich durch folgende Wörter kenntlich machen: „hätte“, „wenn“ und „sollte“. Der Journalist lässt seiner Phantasie freien Lauf und ersinnt unterschiedliche Wege, die aus einer Nachricht erwachsen können. Hierbei ist es vollkommen irrelevant, wie unsinnig diese Wege auch sind. Es ist auch nicht wichtig, dass die Nachricht bzw. das Geschehnis bereits in der Realität etabliert ist oder nicht. Schon die Vorstellung eines möglichen, baldigen Geschehnisses treibt den Journalisten zur Höchstform. Die Nachricht wird verarbeitet, bevor sie greifbar ist – bevor sie also eine Nachricht sein kann. Solche Artikel sind deshalb nichts anderes als Versprechen (im doppelten Sinn). Die Journalisten als Orakel, die sich alle Seiten offen halten. Sie sind Zocker um die Zukunft und Dealer für den Leser. Sie sind freie Radikale, die einem Leerverkauf Vorrang vor der (Informations-)Sicherheit der Leser geben.

Sie durchdringen keine Realitäten. Sie weben Zukunftsmodelle ohne Grundlage einerseits und suggerieren aber Ernsthaftigkeit auf der anderen Seite. Damit leben sie an der Aufgabe vorbei, das Bewusstsein der Gesellschaft zu fördern. Doch welchen Wert kann man in diesem Fall den Medien noch anheften? Ist ihnen die Feuerkraft einer kontrollierenden, vierten Gewalt immanent oder haben sie sich still und leise selbst entwaffnet? Schaffen sie es, das Chaos zu ordnen, ohne es der Realität zu entziehen – oder sind sie wie die Ziehung der Lottzahlen: ohne Gewähr!?

Bis die Tage.

PS: Erst heute las ich diesen Artikel auf faz.net, der aufgrund der eigenen Meinung des Journalisten sein Ziel um Längen verfehlt hat, den Bericht eines Augenzeugen zum atomaren Unfall Tschernobyl wiederzugeben.

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