Arno Boldt

Eine Antwort auf Constantin Seibts “Welches ist Ihr Preis?”

Die Journalisten seien schon arme Säue. Sie schreiben Artikel für Auftraggeber, die keinen Deut drauf geben, ob die Leser diese Artikel lesen. Warum dann diese Artikel? Ganz einfach: Die Granden und Bosse sähen die Lobhudelei ihrer Produkte äußerst gern. Jedenfalls sagte das ein PR-Agent dem Herrn Seibt. Doch dabei bleibt es nicht; auch ein “Gewerkschafts-Profi” wüsste zu berichten, dass die der Presse diktierten – und auch so abgedruckten – Forderungen im Vorfeld von Verhandlungen allein wegen des Verhandlungspartners zum Abschreiben freigegeben werden. Den Leser der Zeitung interessiere das alles wenig und der sei auch nicht Adressat.

Daraus wiederum leitet Herr Seibt die Irrelevanz des eigenen Tuns ab. Und genau deswegen seien die Journalisten, und nicht die Leser, schließlich die Gearschten. Eine kollegiale Empfehlung gibt er den Journalisten auch gleich mit: immer langsam mit den vorgefertigten Pressemitteilungen, mit den Hochglanzprospekten und Exklusiv-Interviews.

Doch, halt! Wissen Sie denn, worum es tatsächlich geht? Verstehen Sie den Subtext? Ja? Nein? Dann hier der Umkehrschluss: Für Herrn Seibt ergibt die journalistische Arbeit nur dann Sinn, wenn der PR-Agent mit seinem zu verkaufenden Produkt wirklich und in alle Ewigkeit die Masse der Leser erreichen möchte. Das tägliche Malochen nütze also nur dann, wenn die liebevoll abgeschriebenen PR-Texte und Informationen, die halblauen Headlines und farbenprächtigen Zitate dazu anregen, das Produkt zu verkaufen. Denn schließlich hat sich der Journalist vorher mit Hotelübernachtungen, Fischbrötchen und Sekt die Taschen vollgehauen. Da kann er doch mindestens erwarten, dass ihn “PR-Agenten” und “Gewerkschafts-Profis” auch ernst nehmen, ihre Intentionen korrigieren und auf seine Leserschaft zuschneiden.

Meines Erachtens ist diese Denkweise irreführend. Es ist nämlich vollkommen egal, welche Absichten die Informationslieferanten haben. Besser noch, wie wäre das: der Journalist hat das Ansinnen herauszufinden, sofern es ihn nicht schon offensichtlich ins Gesicht springt. Für den jounalistischen Alltag ist nur relevant, ob diese Produktdetails oder Pressemitteilungen für die Leserschaft wichtig sind. Wenn nicht, fällts (bestenfalls) raus – obwohl mir natürlich bewusst ist, dass diese Forderung in der Theorie einfach zu benennen ist. Viel wichtiger ist daher die Frage, wie man mit diesen Informationen umgeht. Das kritische Hinterfragen ist unabdingbar und Teil jounalistischen Arbeitens. Denn – ganz ehrlich – eine öffentlichkeitswirksame Mitteilung kann das Unternehmen auch selbst machen. Dazu bedarf es keinen Journalisten. Oder sehen Sie den Beruf des Journalisten darin, Erfüllungsgehilfe der Werbeindustrie, Global Player oder Regionalpolitiker zu sein? Ich hoffe nicht. Und wo hörte das alles auf? Ich sags Ihnen: beim Machtlosen.

Und genau so fühlt man sich auch, wenn wieder ein Produkt platziert oder eine Meinung 1:1 übernommen wird. Wer soll das bitte lesen? Wen wundert es denn, dass die Leser nur müde darüber hinweglesen – wenn überhaupt?

Bringen wir es auf den Punkt. Fischbrötchen hin oder her: Sie, werter Journalist, sollten ihre Zielgruppe und das inhaltliche Format Ihrer Zeitung am besten kennen. Alles Weitere folgt daraus.

Dieser Beitrag wäre hier zu Ende. Doch leider verrennt sich Constantin Seibt in den letzten Absätzen seines Konstruktes noch einmal dermaßen, dass ich das Schreiben darüber nicht lassen kann. Es ist Lust und nervend zugleich.

Zurück zum Thema: Denn dieses war leider nicht die durchaus spannende Frage, ob Journalisten käuflich sind, sondern lediglich, wie hoch der Preis eines jeden ist. Um das zu untermauern, führt Herr Seibt folgenden Punkt ins Feld:

Stellen Sie sich vor, Sie sind Journalist. Ein Kerl kommt auf Sie zu und flüstert Ihnen in einer dunklen Nacht in einer dunklen Ecke eines spärlich benutzten Parkhauses zu, er habe Informationen, die die Machenschaften einer bestimmten Firma aufdecken und diese in einem noch schlechteren Licht darstellen würde, als jenes, was gerade in diesem Parkhaus vorherrscht. Sie sind gerade sehr froh ob der Botschaft und stellen sich schon insgeheim vor, wie Ihnen der Chefredakteur vor versammelter Mannschaft auf die Schultern klopft. Nachdem Sie zugestimmt haben, überrascht Sie der Informant mit einem zentimeterstarken Umschlag, dessen Inhalt eine monitäre Zuwendung darstellt.

Wie bitte? Wofür Sie das Geld bekommen? Damit Sie diesen Artikel schreiben, wovon der Informant wohl am meisten profitiert? Damit Sie seinen Namen nicht nennen, obwohl es einen Quellenschutz im Journalismus gibt? Mhh, schlechtes Beispiel, meinen Sie… Lassen Sie es mich anders probieren:

Ein Experte ruft morgens an und ist ganz hibbelich. Er hat für die aktuelle landesweite Diskussion, die schließlich auch durch Ihre Gazette nuttenhaft getrieben wird, eine bahnbrechende Analyse, perfekte Argumente. Er bittet um ein Interview und seinen Namen auf gedruckten Seiten. Im Gegenzug möchte er Ihnen den Kontostand erhöhen. Klingt auch nicht einleuchtend? Richtig.

Aber vielleicht zielt der Artikel von Constantin Seibt in eine ganz andere Richtung: nämlich der, dass sich Journalisten beherzogen lassen, um etwas Unwahres zu veröffentlichen. Das allerdings führt die Preis-Frage nicht zum Journalisten, sondern zum Lügner. Wie hoch ist der Preis, damit Sie lügen? Wie hoch er auch ist, er wird Ihre Glaubwürdigkeit ersetzen. Und das, mein Freund, wird verdammt teuer.

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Constantin Seibt „Welches ist Ihr Preis?“

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3 Gedanken zu „Eine Antwort auf Constantin Seibts “Welches ist Ihr Preis?”

  1. Boedefeld sagte am :

    Also leider habe ich jetzt den Text, auf den du dich beziehst, nicht einmal mehr über den Cache gefunden (liegt vermutlich an der fortgeschrittenen Stunde und meiner damit verbundenen Dämlichkeit). Dadurch gingen mir jetzt ein paar Bezüge flöten. Aber die Antwort ist schön bissig geschrieben, gefällt mir und einigen Aussagen konnte ich auch so vorbehaltslos zustimmen. Hat Spaß gemacht!

    Gruß Bödefeld

  2. Hallo Bödefeld, der Link steht unterm Text.

    Constantin Seibt lässt selbst keinen Zweifel daran, dass die Käuflichkeit von Journalisten ihrem eigentlichen Auftag entgegenläuft; nur fächert er die Definition jenes Begriffes auf, ohne zu unterscheiden, dass persönliche Eitelkeiten und Begierden nicht zwangsläufig zu einem schlechten Journalismus führen müssen. Es ist immer die Frage, inwiefern man sich davon bei seiner Arbeit leiten lässt.
    Desweiteren ist seine Aussage: „Völlig Unbestechliche sind für diesen Beruf nur halb geeignet“ sinnfrei. Sein Argument dabei sind „Grauzonen“, in die sich ein Journalist eben manchmal begeben und deretwegen er vom Ideal der Unbestechlichkeit abweichen müsse, um seine Arbeit leisten zu können. Meine zwei Beispiele gen Ende des Textes sollen hingegen zeigen, dass das Quatsch ist. Denn auch Informanten und so genannte Experten haben ein Interesse daran, gut dazustehen. Auch sie wollen ihre Eitelkeiten ausleben bzw. Vorteile aus einer Veröffentlichung ziehen. Und um das zu können, um wirksam an die Öffentlichkeit gehen zu können, brauchen sie den Journalisten. Daher hat dieser also alle Karten in der Hand.
    Viele Grüße
    A. Boldt

  3. Boedefeld sagte am :

    Oh, den unteren Link hatte ich dann wohl übersehen. Wie peinlich. Danke Dir für den Hinweis.

    Einen schönen Restfeiertag!

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